Eine Collage verschiedener Menschen, die alle ein digitales Gerät in den Händen halten, Handys, Tablets oder ähnliches.

Gesundheitsversorgung qualitätsorientiert steuern

Kann der Patient nach der Knie-OP wieder schmerzfrei gehen? Wie kommt die junge Frau mit rheumatoider Arthritis nach der neuen Medikamenteneinstellung zurecht? Wurde der über 80-jährige Patient vor der anstehenden Anlage eines Stents am Herzen informiert, dass er danach dauerhaft Medikamente einnehmen muss? Angaben von Patientinnen und Patienten über ihren Gesundheitszustand und den Behandlungserfolg fehlen bisher weitgehend im deutschen Gesundheitswesen. Sie sind jedoch wichtig, um die Therapie jedes Einzelnen sowie die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern. Mit dem Projekt „Gesundheitsversorgung qualitätsorientiert steuern“ setzen wir uns dafür ein, dass die Patientenperspektive systematisch erhoben und genutzt wird. Denn nur so kann eine Ausrichtung am Patientenwohl wirklich gelingen.

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Die Orientierung am Patientenwohl ist das normative Leitprinzip der Gesundheitsversorgung, so formuliert es der Deutsche Ethikrat. Dazu gehören eine selbstbestimmungsermöglichende Sorge, eine gute Behandlungsqualität und Zugangs- und Verteilungsgerechtigkeit. Alle Strukturen und Prozesse der Gesundheitsversorgung sollten konsequent am Patientenwohl ausgerichtet werden.

Ob und inwiefern Patientinnen und Patienten eine Orientierung am Patientenwohl selbst erleben, wird in Deutschland jedoch nicht, wie man erwarten könnte, anhand ihrer systematisch erhobenen Rückmeldungen erfasst. Viele Länder sind da schon weiter: Die Patientenperspektive zu Behandlungsergebnissen wird über systematische Fragebögen digital erhoben und zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung genutzt (Studie: PROMs - ein internationaler Vergleich).

„Patient Reported Outcomes“ machen echte Patientenorientierung möglich

Patientenbefragungen sind neben der medizinischen Dokumentation und den Sozialdaten der Krankenkassen eine wichtige Datenquelle zum Messen und Beurteilen der Versorgungsqualität. Die Erhebung von patientenberichteten Gesundheitsergebnissen – durch Patient Reported Outcome Measures (PROMs) – dient dazu, den subjektiv wahrgenommenen Gesundheitszustand vor, im Verlauf oder nach einer Behandlung mess- und vergleichbar zu machen. Dazu werden wissenschaftlich validierte Instrumente, d. h. Fragebögen (PROMs), mit definierten Fragen, Befragungszeiträumen und Bewertungsskalen eingesetzt. Mit PROMs wird so nachvollziehbar objektiviert, wie medizinische Interventionen den Gesundheitszustand und die gesundheitlichen Möglichkeiten und Einschränkungen im Alltag der Patientinnen und Patienten beeinflussen. 

Daneben kann die Erhebung der Patientenerfahrungen mit dem Behandlungsprozess – durch Patient-Reported Experiences Measures (PREMs) – weitere wichtige Daten über Aspekte der Versorgungsqualität wie Patientensicherheit, Kommunikation und Koordination liefern und so zu einer stärkeren patientenorientierten Versorgung beitragen. PREMs sind ereignis- und faktenorientiert und stellen keine Zufriedenheitsbewertung dar.

Nutzenstiftend in vielen Anwendungsbereichen

Systematisch erhobene und strukturiert ausgewertete PROMs und PREMs vervollständigen das Bild über die Versorgungsqualität unseres Gesundheitswesens. Sie können sowohl im Rahmen der individuellen medizinischen Intervention, aber auch im Rahmen der Qualitätssteuerung und der Evidenzgenerierung einen großen Nutzen entfalten. Digital erhoben, in Echtzeit ausgewertet und an die Behandelnden zurückgespielt, verdeutlichen PROMs, wie es einer Patientin oder einem Patienten aktuell geht. Sie können dann beispielsweise dazu beitragen, die laufende Therapie schneller und genauer anzupassen sowie die Arzt-Patienten-Kommunikation zu stärken und das Patient Empowerment zu erhöhen.  

Auf gesundheitssystemischer Ebene können aggregierte PROMs das Verständnis über die Wirkung verschiedener Behandlungsarten und -prozesse verbessern und so Maßnahmen für Qualitätsverbesserungen anregen. Sie können der Weiterentwicklung von Behandlungspfaden und Leitlinien dienen und für die externe Qualitätssicherung oder die öffentliche Berichterstattung genutzt werden. PROMs werden zudem als Endpunkte im Rahmen von klinischen Studien eingesetzt.

Mehr Ergebnis- und Patientenorientierung ermöglichen

Eine stärkere Ergebnis- und Patientenorientierung gewinnt auch im Gesundheitswesen in Deutschland an Bedeutung. Jedoch sind bisher keine Strategie und ordnungspolitische Rahmensetzung zur Implementierung von standardisierten patientenberichteten Erfahrungs- und Ergebnismessungen in Deutschland zu erkennen. Es gibt erste, häufig von engagierten Ärztinnen und Ärzten oder Kliniken initiierte gute Beispiele zur Nutzung von PROMs und PREMs. Um unsere Gesundheitsversorgung jedoch stärker am Patientenwohl auszurichten, sind diese systematisch erhobenen, patientenberichteten Daten essenziell.

Daher unterstützen wir – in Kooperation mit der Weissen Liste gGmbH, einer hundertprozentigen Tochter der Bertelsmann Stiftung – die Einführung von Patient-Reported Outcome und Experience Measures. Die Weisse Liste gGmbH setzt sich mit ihrer Patientenbefragung mit dem eigens entwickelten Patient Experience Questionnaires (PEQ) bereits seit Jahren für die Erfassung, Auswertung und Veröffentlichung von patientenberichteten Daten für mehr Qualitätstransparenz und Patienteninformation ein. Gemeinsam möchten wir als Brückenbauer zwischen Akteuren in Praxis und Politik aktiv werden sowie Ideen für die Implementierung erarbeiten und kommunizieren. Denn den Einsatz von PROMs und PREMs im Gesundheitswesen betrachten wir als einen Schlüssel zur Transformation – hin zu einer patientenzentrierten Gesundheitsversorgung.

The key objective of a health system is to improve the health of patients and populations. […] However, few health systems routinely ask patients about the outcomes and the experience of their care.

OECD, 2019